Zum Inhalt springen
Kategorien:

Was sind vegane Burgerpatties?

Veröffentlichungsdatum:

Was sind vegane Burgerpatties

Manchmal suche ich im Netz nach Rezepten. Wildschweinrücken zu Weihnachten. Oder eine neues Sauerkrautrezept. Und immer wieder komme ich auf Webseiten, auf denen das eigentliche Rezept dort versteckt ist, wo die Sonne nie scheint.

So auch letztens. Ich suche nach veganen Burgerpatties. Ich schlage die Seite auf und wollte einfach nur wissen, wie viel Haferflocken mit Mehl und Tomatenmark vermischt werden. Und als vom Doomscrollen mein Daumen dann einen Krampf bekommen hat kommt diese Zwischenüberschrift „Was sind vegane Burgerpatties“. Da wurde also schon eine dreiviertel Stunde über das Rezept lamentiert – ich gebe zu, kein einzigen Wort darüber gelesen zu haben – um dann auf die Frage zu kommen „Was sind vegane Burgerpatties“.

Dieser Irrsinn hat Methode! Es geht nicht darum, ein Rezept jemanden mitzuteilen. Es geht schlicht und einfach darum, ganz unaltruistisch, die Besucher zeitlich auf der Webseite zu halten. Warum? Damit der Werbepartner mehr springen lässt.

Und so ist der Text dann auch aufgebaut. Das Geschriebene liest sich wie ein weichgespülter Brei aus den Füllworten, von denen statistisch gesehen das nächste Wort das Wahrscheinlichste sein würde. Haben wir schon mal gehört, oder? „Hey ChatJeepie-Tea, verfasse einen Blogbeitrag zum Thema vegane Burgerpatties. Der Text darf keine Fragen offen lassen und soll mich so dastehen lassen, als ob ich der führende Experte in veganer Grillkunst bin. Ich soll mich anhören wie ein Boomer, der sich nicht kurzhalten kann und alles besser weiß und das auch zur Schau stellt, weil Besserwisser schließlich von besser wissen kommt, außerdem soll der Text in zehn Minuten zu lesen sein, und ach ja, bevor wir es vergesse und ich als gedankenlos dastehe, soll dann auch noch das Rezept als Einkaufsliste erscheinen. Fülle in den Text Platzhalter für 236 Google-Ads ein, und setze die Verlinkungen zum Affiliate-Tool mit meinem Zugangstoken.“

So ein bisschen sind wir auch daran schuld, dass wir gefühlt nur noch Blog-Slops sehen. Wir hypen Influencer und geben jedem die Hoffnung auf Warhols 15 Minuten Ruhm. Und wer nach zwölf Rezepten keins mehr weiß, aber sich gezwungen sieht immer neuen Content zu veröffentlichen nutzt sowas. Das ist ganz wie bei Gigi aus Momo von Michael Ende. Im Buch wurderbar beschrieben. Besser dargestellt wie es die beiden Verfilmungen ermöglichen. Da heißt es, dass Gigi dem Fremdenführer die Geschichten ausgegangen seien. Er erzählt immer wieder die gleichen Geschichten, mit nur ein paar Abweichungen, damit es nicht auffällt. Ist es so, dass wir immer wieder neue Geschichten verlangen? Stimmt es, was die Suchmaschinen über uns wissen? Stufen wir Geschichten – also Webseiten – herunter, nur weil seit geraumer Zeit nichts Neues mehr dort veröffentlicht wurde? Ich persönlich schau ja immer wieder mal in das Kochbuch meiner Oma. Oder auch die Hobbythek-Bücher von Jean Pütz bieten mir immer wieder Grund etwas selbst zu machen. Das jüngste in meiner Sammlung ist jetzt 30 Jahre alt.

Ich sehe also die Beiden Probleme, das wir auf der einen Seite nach frischem neuem Content schreien ohne zu merken, dass es ein dritter Aufguss von einem zweitklassigen Tee ist. Und das wir nicht mehr bereit sind, etwas ohne Bezahlung zu machen. Und sei es, dass man uns Anerkennung für unser Spezialwissen schenkt. Und wenn wir dafür auch nur so tun müssen, als würden wir wirklich Spezialwissen haben. So eine Suchmaschine (die nicht denken kann) denkt, aha: Da steht was neues Geschrieben. Also muss das eine Neuigkeit sein. Den Text hab ich so noch nie gelesen, daher muss er einzigartig sein. Das Thema passt zu den Schlüsselworten, also sag ich Meinen Benutzern, dass sie diesen Text mal lesen sollen. Es werden bestimmte Algorithmen genutzt um Vektoren zu berechnen, die eine Aussage darüber erlauben sollen, wie relevant dieser Text für denjenigen ist, der eins dieser Schlüsselworte gesucht hat. Und das alles ohne auch nur ein Wort verstanden zu haben. Dieser Suchalgorithmus, wertet nur Statistiken darüber aus, wie Nutzer mit Vorschlägen aus ähnlichen Suchanfragen umgegangen sind. Der Algorithmus weiß nichts von dem, was auf der Seite steht. Und die ganzen Werber und SEO-Spezialisten ernähren sich du ihre Familien damit, Menschen zu empfehlen, wie sie eine Maschine dazu bringen unsere Seite anderen Menschen vorzuschlagen. Meist interessieren sie sich nicht wirklich um den Inhalt des Beitrags, sondern allein für das Verhältnis zwischen Schlüsselworten, Worten im Text und ob das alles zur Überschrift passt, die in einer bestimmten Art und Weise gegliedert sein muss.

Und während ich darüber nachdenke und mich bei meiner Frau über wissenschaftliche Abhandlungen über selbst gezüchteten Fleischersatz beschwere, wurden alle Ziele der Webseite erfüllt. Ich navigiere zu dieser Seite, befinde mich für eine Bestimmte Zeit darauf, sodass mir eine bestimmte Anzahl von Kaufentscheidungshilfen dargeboten werden. Meine Ziele sind dabei unter den Tisch gefallen. Das Fett in der Pfanne ist verbrannt, weil ich nicht rechtzeitig die Mengen mischen konnte. Hätte ich ja auch vorher herausfinden können, oder?


Marc Werk